Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus 2026

Datum 27.01.2026

Bente Kahan singt im Plenarsaal des Sächsischen Landtags, im Hintergrund wichtige Politikerinnen und Politiker des Freistaats Sachsen

Am 27. Januar fand im Sächsischen Landtag die Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus statt. Die Künstlerin Bente Kahan präsentierte den geladenen Gästen ihr Konzertprogramm „Ein Gebet für mich“. Dieses umfasst Lieder, die während der Kriegszeit von Jüdinnen und Juden in Ghettos geschrieben und später von Kahan vertont wurden. In gut 60 Minuten erinnerte das Konzert der renommierten Künstlerin eindringlich an das Leid und die Tragödie des Holocaust. Unter den knapp 300 Gästen war auch eine Schulklasse. Für die Jugendlichen schloss sich am Nachmittag eine Lesung des Buches „Sie waren Neun“ an, vorgetragen von Mitgliedern der Jungen Gemeinde Wurzen, die das Buch ehrenamtlich ins Deutsche übersetzt haben.

"Erinnerung an das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte"

Anlass für den nationalen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus ist die Befreiung des größten Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau am 27. Januar 1945.

Zu Beginn des Tages wandte sich Landtagspräsident Alexander Dierks an die Gäste. Unter Ihnen waren Abgeordnete, Staatsminister und weitere hochrangige Persönlichkeiten aus der Gesellschaft. Doch auch zahlreiche Mitglieder der jüdischen Gemeinden in Sachsen nahmen auf den Stühlen Platz. Unter Ihnen eine der letzten Holocaustüberlebenden aus Sachsen, Renate Aris.

Aus Anlass des 27. Januar betonte der Landtagspräsident seine Freude über das Wiederaufleben jüdischer Gemeinden in Sachsen und forderte sogleich, dass jüdisches Leben geschützt werden muss. Er zeigte sich besorgt über die Zunahme antisemitischer Vorfälle in ganz Deutschland: 

"Unsere freiheitliche Demokratie gibt das Versprechen, dass alle Menschen ihren Glauben frei leben dürfen und sich bei uns sicher fühlen. Wenn Jüdinnen und Juden aus Angst vor Bedrohung teilweise wieder mit Vorsicht in die Öffentlichkeit gehen und etwa auf eine Kippa verzichten, dann ist das beschämend für unsere Gesellschaft. Das dürfen wir als Staat und als Bürgergesellschaft niemals akzeptieren. Antisemitismus muss konsequent geahndet werden, egal welcher Ideologie er entspringt.“

Mit Blick auf die Erinnerungskultur in Deutschland sagte Alexander Dierks zum Gedenktag:

"Geschichte und Gegenwart lassen sich nicht trennen: Der Holocaust war ein Massenmord ungeheuren Ausmaßes und die Aufhebung jeglicher Menschlichkeit. Das Gedenken an die Opfer und die Verantwortung für das jüdische Leben in Deutschland bleiben zeitlose und zentrale Aufgaben für unser Land."

"Jüdische Religion und jüdisches Leben gehören fest zu Sachsen", so der Landtagspräsident weiter. Das landesweite Themenjahr "Tacheles" biete allen Bürgerinnen und Bürgern viele Gelegenheiten, jüdische Kultur persönlich zu erleben und kennenzulernen. Er wünsche sich, dass jüdisches Leben auf Dauer im Freistaat noch sichtbarer wird.

Alexander Dierks: "Staat und Gesellschaft dürfen heutige Bedrohungen für Jüdinnen und Juden niemals akzeptieren."

 

"Ein Gebet für mich" - Bente Kahan

Als kultureller Höhepunkt bot Bente Kahan ihr Konzertprogramm "Ein Gebet für mich" dar. Gemeinsam mit ihrem Kontrabassisten Adam Skrzypek sorgte sie im Plenarsaal für eine eindrückliche Gedenkstimmung an die Opfer des Holocaust.

Die Lieder aus der Kriegszeit enthalten Texte, die von den Opfern selbst in Ghettos wie Warschau, Krakau, Vilnius und Terezin (Theresienstadt) geschrieben wurden und größtenteils von Bente Kahan vertont wurden. Das Konzert möchte an das Ende des Krieges erinnern, an die Tragödie, die er für so viele Menschen bedeutete, und uns dazu anregen, über unsere Gegenwart und Zukunft nachzudenken. 

Bente Kahan ist eine polnisch-norwegische Sängerin. Im Jahr 2001 zog sie mit ihrer Familie nach Wrocław in Polen und gründete die Stiftung Fundacja Bente Kahan, die das jüdische Erbe der Stadt, darunter die historische Weiße Storch-Synagoge, restauriert hat. Als Direktorin des Kulturzentrums (2005–2022) produzierte sie zahlreiche Ausstellungen und Konzerte sowie Theaterstücke, von denen viele von ihr geschrieben und inszeniert und von polnischen Künstlern aufgeführt wurden. Bente Kahan ist nach wie vor sowohl in Polen als auch im Ausland mit ihrem breiten Repertoire, das mit der europäischen jüdischen Erfahrung verbunden ist, gefragt.

Neben ihrem Konzertprogramm hat Bente Kahan auch eine Wanderausstellung ihrer Stiftung nach Dresden gebracht. Unter dem Titel "Unvollendete Leben" waren im Zugangsbereich zur Lobby des Plenarsaals Biographien von Künstlerinnen und Künstlern zu sehen, die Opfer des Holocaust geworden sind sowie ihre Kunstwerke, die sie im Angesicht des Horrors geschaffen haben.

"Die Geschichte geschah direkt vor unserer Haustür"

Das Projekt

Mitglieder der Jungen Gemeinde Wurzen sind vor einigen Jahren mit dem Buch "The Nine" der amerikanischen Schriftsstellerin Gwen Strauss in Kontakt gekommen. "Auf einmal lasen wir im englischen Ortsnamen, die wir kannten und wollten natürlich wissen: Was passierte dort, direkt vor unserer Haustür" so Fabian Hanspach, der Initiator des Projekts.

Die Jugendlichen machten es sich selbst zur Aufgabe, das Buch zu übersetzen, da sich sonst niemand bereiterklärt hatte. Im April 2025 war es dann soweit: Das Buch war übersetzt, ein Verleger gefunden und die Öffentlichkeit erhielt Zugang zu der deutschsprachigen Fassung des Buchs "SIE WAREN NEUN - Der Weg in die Freiheit".

Es handelt von neun Frauen, die in der Zeit des Nationalsozialismus erst in das Konzentrationslager Ravensbrück und anschließend auf einen Todesmarsch geschickt werden. Bei diesem können sie unter Einsatz ihres Lebens fliehen, als sie sich gerade zwischen den zwei sächsischen Kleinstädten Wurzen und Oschatz befinden.

Buchvorstellung für Schülerinnen und Schüler

Das Buch zur Geschichte dieser neun Frauen stellte die Jugendgruppe aus Wurzen den Schülerinnen und Schülern einer 9. Klasse aus Leipzig vor. Nach kurzen vorgelesenen Inhalten des Buchs, kamen Schulklasse und Jugendgruppe ins Gespräch. Die Themen reichten von der Frage nach der Motivation der Jugendgruppe über emotionale Herausforderungen bei der Übersetzung bis hin zu geschichtlichen Inhalten aus der damaligen Zeit. 

In einem Gespräch hat zuvor Landtagspräsident Alexander Dierks das Engagement der Jugendlichen gelobt: "Diese Zeit ist jetzt 81 Jahre her - ein durchschnittliches Menschenleben. Es gibt kaum noch Menschen, die davon berichten könne. Deswegen ist es wichtig, dass jeder seinen Beitrag dazu leistet, dass sich so etwas nicht wiederholt."

Zum Schluss machte Fabian Hanspach den Schülerinnen und Schülern noch einmal klar:

"Diese Geschichte ist keine Fiktion, es ist die Erzählung der Großtante von Gwen Strauss, die lange über ihr Schicksal geschwiegen hatte. Es ist eine wahrhafte Geschichte, die jemand so erlebt hat."

Die Lesung im Videorückblick und was Beteiligte dazu sagen

Ausstellung "#FakeImages" räumt mit Unwahrheiten auf

Parallel zur Gedenkveranstaltung zeigt der Sächsische Landtag noch bis Ende Februar 2026 die Ausstellung "#FakeImages - Gefahren von Stereotypen erkennen" im öffentlich zugänglichen Bürgerfoyer im Neubau. Sie übermittelt antisemitische Bilder aus verschiedenen Jahrhunderten mit dem Fokus auf Propaganda vor und während des Zweiten Weltkriegs. Die Bilder stammen aus dem Arthur Langerman Archiv für die Erforschung des visuellen Antisemitismus der TU Berlin. Die Ausstellung verdeutlicht, welche Wirkung Propaganda und Bildsprache auf uns haben und welche Techniken zur gezielten Beeinflussung von Menschen eingesetzt werden. Ziel ist es, diese Techniken zu erkennen und entsprechend auf Propaganda und stereotype Bilder reagieren zu können.

Darüber hinaus lenkt die Ausstellung den Blick vor allem auf die Geschichte der Jüdinnen und Juden und verdeutlicht, wie es zu einem solchen Genozid wie dem Holocaust kommen konnte. 

Die Ausstellung befindet sich im Bürgerfoyer im Neubau des Sächsischen Landtags und ist zu den Öffnungszeiten des Bürgerfoyers frei zugänglich.