16.09.2026
Die Holocaust-Überlebende Renate Aris hielt eine bewegende Rede.
Mit einer Feierstunde im Plenarsaal würdigten der Sächsische Landtag und der Landesverband Sachsen der Jüdischen Gemeinden gemeinsam mit Abgeordneten, Vertreterinnen und Vertretern der jüdischen Gemeinden und des gesellschaftlichen Leben das 100-jährige Bestehen des Landesverbandes. Der Landesverband der Jüdischen Gemeinden vertritt die Interessen der jüdischen Gemeinschaft im Freistaat Sachsen. Im Mittelpunkt der Feierstunde standen die beeindruckenden Reden von Jüdinnen aus zwei Generationen: Renate Aris als 1935 in Dresden geborene Zeitzeugin sowie Katrin Ikhilman, Jahrgang 2000, aus Leipzig als Vertreterin der jungen Generation.
Landtagspräsident Alexander Dierks eröffnete die Feierstunde (Aufzeichnung der Veranstaltung auf Youtube anschauen) und nahm in seiner Rede direkt Bezug auf den Ehrengast der Feierstunde, die 1935 in Dresden geborene Zeitzeugin, Renate Aris.
Der Landtagspräsident sagte:
"Es mutet wie ein Wunder an, dass wir nach den Schrecken des Nationalsozialismus heute wieder jüdische Gemeinden und ein lebendiges jüdisches Kulturleben im Freistaat Sachsen haben.
Und es mutet wie ein Wunder an, dass Renate Aris mir und uns allen die Hand reicht: eine Frau, deren Jugend durch den Nationalsozialismus zerstört worden ist, und die den Holocaust überlebt hat, weil wegen des Bombenangriffs auf Dresden vom 13. Februar die bevorstehende Deportation nicht stattgefunden hat.
Und es mutet wie ein Wunder an, dass uns die jüdischen Gemeinden die Hand reichen, um hier eine Gesellschaft aufzubauen und zu erhalten, die von Offenheit, von Mitmenschlichkeit und von demokratischen Werten lebt – das ist ein großes Geschenk an unsere Generation.
Es ist zurecht eine Grundfeste unserer Bundesrepublik Deutschland, dafür zu sorgen, dass jüdisches Kultur- und Glaubensleben wie selbstverständlich in unserer Mitte stattfinden kann.
Die Geißel des Antisemitismus bleibt und sie tritt sowohl in alter als auch neuer Gestalt in unserem Land, in Europa und in der Welt auf: Wir alle erinnern uns an die Ereignisse in Halle 2019 oder den 7. Oktober 2023 in Israel – Ereignisse, die gezeigt haben, dass Antisemitismus eine stetige Herausforderung ist."
Wir müssen jüdisches Leben mit rechtsstaatlichen Mitteln schützen. Aber es geht auch darum, deutlich zu machen: Wer Jüdinnen und Juden angreift, greift unsere Art zu leben an, die wir seit 80 Jahren in der Bundesrepublik und seit 36 Jahren hier in Sachsen pflegen – und dass wir das gemeinsam verteidigen.“
Ekaterina Kulakova, Vorsitzende des Landesverbandes Sachsen der Jüdischen Gemeinden, bedankte sich für die große Unterstützung und die respektvolle Zusammenarbeit mit dem Freistaat. Diese seien geprägt von menschlichem Mitgefühl und einem respektvollen Miteinander.
Mit Blick auf die Zukunft appellierte Kulakova an das Publikum: "Wir sollten nicht wegwerfen, was geschaffen wurde, sondern etwas Neues erschaffen."
Die Chemnitzer Yankele Kapelle und der Leipziger Blockflötist Menashe Lukin umrahmten die Feierstunde musikalisch und erhielten viel Beifall und Zuspruch für die fröhliche und mitreißende Musikauswahl.
Anschließend sprachen Renate Aris als 1935 in Dresden geborene Zeitzeugin sowie Katrin Ikhilman, Jahrgang 2000, aus Leipzig als Vertreterin der jungen jüdischen Generation zu den Gästen.
Die 91-jährige Holocaust-Überlebende Renate Aris erinnerte in einer bewegenden Rede mit vielen persönlichen Schilderungen an die Schrecken des Nationalsozialismus. "Kein Kind soll so etwas erleben", mahnte Aris und erzählte, wie die Kaninchen von ihr und ihrem Bruder vor ihren Kinderaugen getötet worden sein. da Juden keine Haustierte halten durften. Nach der Bombardierung Dresden im Februar 1945 haben sie auf ihrer Flucht über unzählige Leichen steigen müssen. Am Tag der Bombardierung Dresdens hatte ihr Vater die Deportationsbefehle in das Konzentrationslager Theresienstadt abholen müssen. "Wir gehörten zum letzten Transport am 16. Februar 1945. Doch dieser konnte nicht mehr stattfinden"
Solange es ihre Gesundheit zulasse, werde sie - wie in den vergangenen 30 Jahren - ihr Wissen über die grausame Zeit an Menschen, vor allem Schülerinnen und Schüler sowie Studierende an Hochschulen weitergeben.
"Erinnern ist jeden Tag", sagte Renate Aris.
Wichtig sei dabei das Zusammenspiel von Gedenken, Erinnern und Wissensvermittlung sowie die dafür notwendigen Begegnungsstätten. "Ich möchte die Einweihung der Gedenkstätte am Alten Leipziger Bahnhof in Dresden noch miterleben", so Aris. Obwohl in der Stadt Dresden grundsätzlich Einigkeit besteht, dass auf dem Gelände ein Begegnungsort und eine Gedenkstätte für die zur NS-Zeit von hier aus deportierten Juden errichtet und betrieben werden soll, verzögert sich das Projekt aus verschiedenen Gründen immer wieder.
Als Vertreterin der jungen Generation wandte sich die 26-jährige Katrin Ikhilman an das Publikum. Sie berichtete von einem zunehmenden Antisemitismus.
"Das ist Teil unseres Alltags", so Katrin Ikhilman.
Ihre Generation setze sich für die Zukunft der Demokratie und des jüdischen Lebens in Sachsen ein. Sie selbst habe erst im Alter von 19 Jahren erstmals die Israelitische Religionsgemeinde zu Leipzig besucht und sich sehr über die herzliche Aufnahme gefreut. Heute engagiert sie sich im Vorstand und verfolgt das Ziel, junges jüdisches Leben in Leipzig und Sachsen zu stärken.
Die Veranstaltung endete mit einem Gebet des Landesrabbiners Zsolt Balla für das Volk Israel und Deutschland.
Die einheitliche jüdische Interessenvertretung im Freistaat Sachsen blickt auf eine 100-jährige Geschichte zurück. Am 13. September 1926 wurde die Vorgängerorganisation Sächsisch Israelitischer Gemeindeverband als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt – ein wichtiger Meilenstein für Jüdinnen und Juden auf dem Weg zur Gleichberechtigung. Bis zur Machtübergabe an die Nationalsozialisten stieg die Zahl der in Sachsen lebenden Jüdinnen und Juden auf 20.500 an. Nach 1933 waren von der Entrechtung, Verfolgung und Vernichtung auch die jüdischen Organisationen betroffen. Nur wenige Überlebende des Holocausts kehrten nach Sachsen zurück oder wurden hier befreit. Im geteilten Deutschland waren die Gemeinden im Osten im Verband der Jüdischen Gemeinden in der DDR organisiert. Der Landesverband Sachsen der Jüdischen Gemeinden entstand in seiner heutigen Verfassung nach der Friedlichen Revolution und der Wiedervereinigung. Er ist die Dachorganisation für die drei jüdischen Einheitsgemeinden in Dresden, Leipzig und Chemnitz. Außerdem ist der Chabad Lubawitsch Sachsen e. V. Kooperationspartner des Landesverbandes. Die Gemeinden haben aktuell rund 2.300 Mitglieder.
Der Landesverband Sachsen der Jüdischen Gemeinden widmet sich insbesondere: