Am Anfang stand ein Anruf bei Ronny Kupke. Am Telefon war Sabine Zimmermann, Gründungsbeauftragte des Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) in Sachsen. Über jemanden, der jemanden kennt, hatte sie seine Nummer bekommen. Ob er sich vorstellen könne, beim BSW mitzumachen. Kupke sagte weder Ja noch Nein, sondern »Mal sehen.« Das ist mehr als anderthalb Jahre her.
Es folgte eine politische Karriere in Überschallgeschwindigkeit: Im Januar 2024 Gründungsmitglied des BSW, Gründung des sächsischen Landesverbands, Kommunalwahlkampf, Stadtratsmandat in Chemnitz, Landtagswahlkampf, dann am 1. September 2024 der Einzug in den Sächsischen Landtag. Anschließend die mit der Regierungskoalition ohne Erfolg geführten Sondierungsgespräche und Haushaltsverhandlungen. Kürzlich wählte ihn sein Landesverband zum neuen Vorsitzenden.
Noch einmal ein Blick zurück: 30 Jahre lang arbeitet Ronny Kupke bei der AOK PLUS, wo er 1993 als Azubi für Bürokommunikation anfing. Im Fernunterricht sattelt er eine Ausbildung als Sozialversicherungskaufmann drauf, schließlich noch ein berufsbegleitendes Studium zum Fachwirt im Sozial- und Gesundheitswesen. Es folgen Tätigkeiten in vielen Bereichen von der Personalabteilung über Verhandlungsmanagement und Pflege bis zur Bedarfsplanung für Rettungsdienst sowie Controlling / Finanzen. Parallel engagiert sich Kupke seit Jahrzehnten in der Gewerkschaft ver.di. Zuletzt ist der Chemnitzer als Vorsitzender des Gesamtpersonalrats einer Krankenkasse zuständig für die Arbeitnehmerbelange von 7 000 Beschäftigten. Seit September 2024 ist einiges passiert im Leben des 48-Jährigen: unzählige neue Themen, Namen und Gesichter …
Wir treffen uns Ende August im Sozialausschuss des Sächsischen Landtags, dessen Vorsitzender Kupke ist. In Sitzungsleitung und Moderation ist er als einstiger Personalratsvorsitzender geübt. Der Ausschuss behandelt zum Auftakt der nicht öffentlichen Sitzung einen Bericht der Staatsregierung. Der Evaluationsbericht zum Landarztgesetz prüft, ob die Anreize, die Sachsen darin geschaffen hat, um mehr Ärzte in ländliche Regionen zu bringen, funktionieren. Studierende, die sich zu einer Tätigkeit außerhalb der Ballungszentren verpflichten, können bevorzugt einen der begehrten Medizinstudienplätze erhalten. Der Freistaat greift mit dem Gesetz unmittelbar in die Hochschulfreiheit ein, insofern ist die Überprüfung allein schon verfassungsrechtlich geboten. Vorsichtiger Optimismus liegt in der Luft. Die Landarztquote habe sich laut Sozialministerium bereits etabliert, als ein Instrument von vielen. Bis sich die Gesetzesnovelle in tatsächlich vor Ort praktizierenden Ärztinnen und Ärzten niederschlägt, dauert es freilich noch. Reichliche zehn Jahre vergehen in der Regel, bis aus einem Medizinstudenten ein Landarzt geworden ist.
Der Ausschuss beschließt, dem Plenum die Annahme der Unterrichtung zu empfehlen. Diese findet sich also in einer der nächsten Landtagssitzungen auf der Tagesordnung wieder, um dann vom Parlament zur Kenntnis genommen zu werden. Nach zwei Stunden schließt Kupke die Sitzung und er bekommt die Aufgabe, sich ein neues Gesicht zu merken – das der Dame, welcher er die vorliegende Reportage zugesagt hat.
Tags darauf dann das Wiedersehen in Großröhrsdorf. Thomas Dittrich, langjähriger Vorsitzender des sächsischen Apothekerverbands, hat Kupke in seine Apotheke eingeladen. Kennengelernt haben sie sich im April 2025 im Landtag, als Dittrich während einer öffentlichen Anhörung in den Sozialausschuss geladen war. Im Gespräch mit Ronny Kupke weist der Apotheker auf die große Not der Apotheken hin. Dazu gehörten die Konkurrenz durch den wenig regulierten Onlinehandel sowie die unzureichende Kostenerstattung seitens der Krankenkassen. Die Zahl der Apotheken sinke kontinuierlich. Der Handlungsdruck steige, aber noch spürten die Bürgerinnen und Bürger wenig davon. Der Austausch ist hochinteressant und vor allem deshalb spannend, weil Kupke als langjähriger Krankenkassenmitarbeiter die Probleme bestens kennt – aus Sicht der Kassen, im Fachjargon: »Kostenträgersicht«.
»Die Probleme sind identifiziert, verstanden und der Politik bewusst«, fasst Kupke zusammen. Auch Lösungsmöglichkeiten werden diskutiert. Aber, so Kupkes Eindruck: »Nichts passiert.« Genau diese Wahrnehmung sei es – neben den gesellschaftlichen Verwerfungen während der Coronapandemie – gewesen, die ihn bewogen habe, sich politisch zu engagieren.
Autorin: Katja Ciesluk