Jacek Zieliniewicz im Gespräch

Im Anschluss an die Gedenkstunde im Sächsischen Landtag sprach der Schüler Paul Günther (15 Jahre, Gymnasium Bürgerwiese Dresden), der zuvor die Veranstaltung mit seiner Schulklasse verfolgt hatte, mit dem 90-jährigen Zeitzeugen.

Zeitzeuge Jacek Zieliniewicz im Gespräch mit Schüler Paul Günther im Anschluss an die Gedenkstunde am 27. Januar 2017

Herr Zieliniewicz, Sie sind heute hier in einer geschichtsträchtigen Stadt an einem besonderem Datum. Was bedeutet es Ihnen, an diesem Tag hier zu sein?

Das Wichtigste ist, dass ich als ein Freund zu Freunden gekommen bin. Ich bin heute zum vierten Mal in Dresden. Das erste Mal war ich kurz nach Kriegsende hier. Da war alles zerstört. An den damaligen Besuch im Zwinger kann ich mich noch heute erinnern. Danach war ich oft im Westen Deutschlands unterwegs. In der jüngsten Vergangenheit war ich mehrfach gerne in Sachsen. Hier habe ich auch viele Freunde gefunden.

Was war der Anlass Ihrer Reisen in den Freistaat?

Seit zweieinhalb Jahren nehme ich an den Zeitzeugengesprächen des Maximilian-Kolbe-Werkes teil. Das Maximilian-Kolbe-Werk organisiert etwa Besuche von KZ- und Ghettoüberlebenden an sächsischen Schulen. Hier ermuntern wir die jungen Menschen Ihrer Generation in persönlichen Gesprächen, sich gegen Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit zu wehren. Sie sollen für eine friedliche Zukunft eintreten.

Seit 2005 ist der 27. Januar – der Tag, an dem das KZ Auschwitz-Birkenau befreit wurde – internationaler Gedenktag. Was bedeutet Ihnen dieser Gedenktag?

Erinnerungen sind das Wichtigste. Ich erzähle viel über mein Schicksal in deutschen und polnischen Schulen. Die jungen Leute wissen – glücklicherweise – nicht, was Krieg bedeutet; sie mussten nicht überleben im Krieg. In einer deutschen Schule ist es für mich genauso gut wie in einer polnischen Schule. Ich habe unter den deutschen Jugendlichen auch viele Freunde.

Der Landtagspräsident hat in seiner Rede darauf hingewiesen, dass im aktuellen Sachsen-Monitor 29 Prozent der befragten jungen Menschen der Aussage zugestimmt haben, dass die NS-Verbrechen in der Geschichtsschreibung übertrieben dargestellt werden. Was sagen Sie denen?

Das ist ganz schlimm. Umso wichtiger ist es, dass wir Zeitzeugen heute die uns verbleibende Zeit nutzen und über unser Schicksal sprechen. Jahrzehntelang haben viele Überlebende nicht über ihre Erlebnisse, über die grausamen Momente gesprochen, wir haben unsere Erinnerung nicht weitergegeben. Wir haben gedacht: Wozu sollen wir darüber sprechen? In Auschwitz waren über 400.000 registrierte Häftlinge, die Hälfte davon – 200.000 – ist dort durch die Haftbedingungen umgekommen.

Es war schlimm, als wir als neue Häftlinge dort ankamen. Die älteren Häftlinge haben gesagt, jetzt ist es in Auschwitz viel besser als am Anfang. Aber im Dezember 1943 starben 9.000 Frauen und 6.000 Männer. 15.000 Menschen starben. Schon in einem Lager, das besser war als andere, starben 15.000 Menschen allein in einem Monat. Ich erzähle, wie es war. Es war schlimmer, als es einer je erzählen kann. Ich kann nur erzählen, nicht mehr. Ich brauche nicht zu lügen. Und alle anderen brauchen es auch nicht – wozu?

Wir waren heute als Schulklasse im Landtag. Welche Erfahrungen geben Sie an Jugendliche weiter? Was möchten Sie den jungen Menschen vermitteln?

Ich möchte die jungen Leute an meinem Schicksal teilhaben lassen. Die Nachgeborenen des Krieges haben keine Ahnung, wie Krieg ist, wie das Leben im Krieg ist und wie es im Lager war. Sie sollen jetzt das normale Leben kennenlernen, auch sagen: Das war nicht so gut. Es ist ihre Freiheit und damals war das nicht so. Nie wieder Krieg! Frieden, Freiheit und Freundschaft sind das Wichtigste!

Wenn Sie sagen, dass wir verantwortlich sind für das, was in Zukunft passiert, haben Sie Angst, dass es noch einmal zu einem Weltkrieg kommen könnte?

Für mich gibt es keine Angst mehr. Aber ich habe ein bisschen Angst um die jungen Leute. Ich habe Töchter, Enkel- und Urenkelkinder, und ihr jungen Leute seid auch meine Kinder und Enkelkinder. Meine Sorgen gelten allen jungen Leuten in Polen, in Deutschland, in Europa und überall auf der Welt.

Ich danke Ihnen vielmals, dass Sie meine Fragen beantwortet haben. Ich wünsche Ihnen noch eine schöne Zeit in Dresden und eine gute Heimreise.