Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus

Musiker bei der Gedenkstunde im Landtag

Musiker bei der Gedenkstunde im Landtag

Veranstaltung am 27.01.2021

Mit einer gemeinsamen Veranstaltung erinnerten der Sächsische Landtag und die Staatsregierung am 27. Januar, dem Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch Soldaten der Roten Armee, an die Opfer des Nationalsozialismus. Das Gedenken fand diesmal aufgrund der Corona-Pandemie nur mit wenigen Gästen statt. Der Landtag übertrug die Veranstaltung dafür live im Internet und zeichnete sie als Video auf.

Video: Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus (Zusammenschnitt)

Landtagspräsident: "Diktaturen nicht verharmlosen"

„Wir verneigen uns still vor den Opfern und gedenken ihrer Seelen. Was vor nur einem Menschenalter geschah, darf in der Menschheitsgeschichte nie wieder geschehen“, mit diesen Worten wandte sich Landtagspräsident Dr. Matthias Rößler an die Gäste. Millionen Menschen hätten in dem von Deutschen und ihren Helfern europaweit begangenen Massenmord ihr Leben verloren. In beispiellosen Tötungsaktionen sei das Licht von Millionen verloschen. Insbesondere die europäischen Juden seien im Holocaust beinahe vollständig vernichtet worden.
 
Der Parlamentspräsident mahnte deshalb, jedem Antisemitismus entgegenzuwirken. Er sei menschenfeindlich, verabscheuenswürdig. „Wir dürfen nicht naiv sein. Jüdisches Leben in Deutschland ist wieder in Gefahr. Mich beschämt das! Immer wieder sehen wir antijüdische Hetze und Angriffe. Immer wieder mangelt es an staatlichem oder gesellschaftlichem Schutz.“ Und weiter: „Judenhass ist eine Schande für unser Land – ob nun von rechter Seite, von linker Seite oder von muslimischer Seite.“ Er sei daher unermesslich froh, so Rößler, dass sich das jüdische Leben in Deutschland nach 1945 wieder etabliert habe. Seine Geschichte gehe hier für alle Zukunft weiter, denn es sei „eine Geschichte der Menschheit und des Lebens, der freien Religionsausübung und des Respekts“.
 
Der Neuanfang nach der Katastrophe des 20. Jahrhunderts sei für viele Überlebende in Deutschland schwer genug gewesen, so Rößler. „Lassen wir nie wieder zu, dass die Katastrophe einen neuen Anfang nimmt. Akzeptieren wir als Gesellschaft nicht, dass einige Menschen Diktaturen verharmlosen oder den Holocaust relativieren. Akzeptieren wir als Gesellschaft nicht, dass Verschwörungsideologen aller Couleur ihren Judenhass wieder unters Volk bringen. Lernen wir immerfort aus den Katastrophen unserer Geschichte!“

Ministerpräsident: "Der historischen Verantwortung stellen"

Begonnen habe sein Tag, so Ministerpräsident Michael Kretschmer, mit einer Kranzniederlegung im ehemaligen KZ Sachsenburg (bei Frankenberg). Dort habe sich ihm gezeigt, wie 1933 ganz in der Nähe etwas einsetzte, das für unmöglich gehalten wurde. Hier habe der Terror angefangen, der am Ende zu einer Massentötungsmaschine geführt habe. Ein Ort wie das frühere KZ Sachsenburg und die damit verbundenen heutigen Initiativen seien wichtig für das Erinnern. Ebenso verhalte es sich mit den Internationalen Messiaen-Tagen in Görlitz/Zgorzelec. Er sei, so Kretschmer, in der Nähe des früheren Lagers aufgewachsen, also dort, wo Oliver Messiaen einst inhaftiert gewesen sei. Er sei deshalb den Menschen unglaublich dankbar, die es geschafft hätten, aus diesem Areal einen Ort des Gedenkens zu machen. So werde auch in den kommenden Generationen das Wissen um dieses furchtbare Unrecht nicht verloren gehen. Immer sei es eine Verschiebung von moralischen und ethischen Grenzen gewesen, mit der es beginne. Dessen müsse man sich klar sein und sich der historischen Verantwortung stellen.

 

Musik: "Quartett auf das Ende der Zeit"

Im Anschluss an die Reden erklang im Plenarsaal das „Quartett auf das Ende der Zeit“ des französischen Komponisten Olivier Messiaen. Dieser verbrachte 1940/41 insgesamt neun Monate im Görlitzer Kriegsgefangenenlager Stalag VIII A, wo er das Musikstück fertigstellte. Uraufgeführt wurde es in der Nacht des 15. Januar 1941 in der Theaterbaracke des Lagers. Erneut war es somit die künstlerische Aufarbeitung des Geschehenen, die im Zentrum der Gedenkstunde des Landtags stand. Es ging um Musik im Angesicht des Todes, aber auch der Hoffnung.
 

Olivier Messiaens avantgardistisches „Quartett auf das Ende der Zeit“, das auf dem zehnten Kapitel der Johannes-Offenbarung beruht, ist ein klingendes Mahnmal gegen den Krieg. Es ist ein Signal der Menschlichkeit geschaffen an einem Ort und in einer Zeit der Unmenschlichkeit. Es spendet Halt im Leid, ist eine unzerstörbare Kraft in der Apokalypse, aber ebenso ein Gegenstand der christlichen Hoffnung, der Aussöhnung. Das Stück entfaltet seinen Klangkosmos in acht Sätzen. Im Plenarsaal musizierten Sofia von Freydorf (Violoncello), Elsa Klockenbring (Violine), Sebastian Ludwig (Klavier) und Moritz Pettke (Klarinette).

 

Gedenken im kleinen Kreis

Wegen der Corona-Pandemie fand die Gedenkstunde in diesem Jahr mit deutlich weniger Gästen als üblich statt. Bürgerinnen und Bürger sowie Schulklassen konnten dem Gedenken aus Gründen des Infektionsschutzes nicht beiwohnen. Insbesondere die Einbindung von Schülerinnen und Schülern ist normalerweiser fester Bestandteil der Gedenkkultur des Parlaments am 27. Januar. Der Landtag streamte die Veranstaltung dafür erstmals live im Internet:  Video der Live-Aufzeichnung der Gedenkstunde.

Hintergrund Gedenktag

Am 27. Januar 1945 befreiten Soldaten der Roten Armee das Konzentrationslager Auschwitz. Der 27. Januar ist in der Bundesrepublik Deutschland nationaler Gedenktag zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus. Er wurde vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog 1996 proklamiert. Seit 2006 gedenken der Sächsische Landtag und die Staatsregierung jedes Jahr an diesem Tag der Opfer mit einer gemeinsamen Veranstaltung.