Landtag und Staatsregierung erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus

Gedenkredner Prof. Dr. Ulrich Herbert

Gedenkredner Prof. Dr. Ulrich Herbert

Veranstaltung am 27.01.2019

Nachdem im vergangenen Jahr der Sächsische Landtag und die Staatsregierung in der Gedenkstätte des ehemaligen Ghettos und Gestapolagers Theresienstadt der Opfer des Nationalsozialismus gedacht haben, fand das Gedenken diesmal wieder in Dresden statt. Abgeordnete des Landtags, Mitglieder der Staatsregierung und des Verfassungsgerichtshofs, Vertreter der jüdischen Gemeinden und der Gedenkstätten im Freistaat sowie Bürgerinnen und Bürger wohnten der Gedenkstunde im Plenarsaal bei.

„Rassismus wurde damals zur täglichen Gewohnheit“

„Die Welt ist weit geworden, und es ist Zeit geworden, dass du nicht drunter, sondern drüber stehst.“ Mit diesem Satz endet das 1934 vom Berliner Kabarettisten Curt Bry geschriebene Lied „Die Welt ist klein geworden“. Von den Nationalsozialisten verfolgt, musste Curt Bry emigrieren. Das jüdische Schallplattenlabel „Semer“, das sein Lied einst aufgenommen hatte, zerstörten SA-Männer in der Pogromnacht 1938. Die Musikerinnen und Musiker von der Neuen Lausitzer Philharmonie Görlitz sowie vom Gerhart-Hauptman-Theater Görlitz-Zittau rundeten mit dem Lied das Thema der Gedenkstunde, das Verhalten des Einzelnen und das Handeln der Vielen in Demokratie und Diktatur, ab.

Demokratie braucht wache Verfechter

„Wir erinnern an Millionen Menschen, die aus politischen, ethnischen, religiösen, weltanschaulichen und anderen Gründen ihr Leben verloren“, sagte Landtagspräsident Dr. Matthias Rößler zu Beginn. „Insbesondere erinnern wir an die fast vollständige Vernichtung der europäischen Juden. Wir gedenken hunderttausender Kinder, die im Holocaust umkamen. Wir trauern mit jenen, die damals Angehörige und Freunde verloren. Und wir rufen uns die mutigen Frauen und Männer ins Gedächtnis, die der nationalsozialistischen Barbarei etwas entgegensetzten und dafür oft mit ihrem Leben bezahlten“, so Rößler. Viel zu viele hätten sich dem Nationalsozialismus hingegeben oder gar das brutale Regime treu unterstützt. Widerstehen sei die Ausnahme gewesen. Weiter sagte der Landtagspräsident: „Heute sind wir uns in ganz großer Mehrheit unserer Geschichte und der damit einhergehenden Verantwortung bewusst. Doch angesichts des schwindenden Erlebniswissens über Diktatur und Gewaltherrschaft, über Menschheitsverbrechen wie den Holocaust, müssen wir uns selbst und die Jugend immer wieder aufrütteln und wachrütteln. Unsere Demokratie ist nicht unverwundbar, nicht selbstverständlich. Sie braucht wache Verfechter und ein verantwortungsbewusstes Erinnern. Wegschauen, Gleichgültigkeit – das Verhalten, was die Diktatur stabilisiert, das schwächt die Demokratie.“

Kein Platz für Rassismus und Antisemitismus in Sachsen

„Die Verbrechen und das unermessliche Leid der Opfer der Shoa bleiben unvergessen und müssen uns weiter eine Lehre sein. Sie mahnen uns, wohin es führen kann, wenn die Würde des Menschen nichts mehr zählt. Also seien wir wachsam und verteidigen wir unsere demokratischen Werte jeden Tag“, knüpfte Ministerpräsident Michael Kretschmer an. Die unglaublich wertvolle Bereitschaft der Opfer zur Vergebung und der unbedingte Wille der Deutschen, ihre Verbrechen aufzuarbeiten, sich ihnen zu stellen, bestimmten den Umgang mit dem Holocaust. Es brauche Anlässe wie diese Gedenkstunde, um dafür besonders die junge Generation zu sensibilisieren. Jegliche Rassenlehre oder verächtliche Begriffe wie Volksverräter führten auf eine schiefe Ebene. Das dürfe man nicht hinnehmen. Im Freistaat Sachsen sei kein Platz für Rassismus und Antisemitismus. Dem müssten alle laut und konsequent widersprechen, wenn sie ihm begegneten.

Der Völkermord schaffte die Volksgemeinschaft

Die Gedenkrede hielt der Historiker Prof. Dr. Ulrich Herbert von der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Er widmete sich in seinen Ausführungen der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“. Während ihrer Herrschaftszeit hätten die Nationalsozialisten „eine Neuformierung der deutschen Gesellschaft“ angestrebt, in der die entscheidende Trennlinie „die zwischen privilegierten Volksgenossen auf der einen und diskriminierten Volksfremden und Fremdvölkischen auf der anderen Seite war“ – eine „Systematik von Ungleichheit und Gleichheit“, so Herbert.

Zunächst mit Blick auf die Gleichheit erklärte er, dass es sich beim Begriff „Volksgemeinschaft“, dem zentralen Ausdruck des NS-Gesellschaftsmodells, Anfang des 20. Jahrhunderts um eine weithin geläufige „Leitvokabel der Modernekritik“ gehandelt habe. Verbunden wurde damit das Ende von sozialer Ungleichheit in der Industriegesellschaft. Die Nationalsozialisten hätten es jedoch nicht vermocht, die soziale Schichtung der deutschen Gesellschaft im Sinne von mehr Gleichheit zu verändern, weshalb sie die „soziale Ungleichheit durch sozialegalitäre Propaganda zu kompensieren suchten“.

Ganz anders habe es sich mit der Ungleichheit verhalten, diesem zweiten Standbein der NS-„Volksgemeinschaft“. Hier habe die Bevölkerung ihre bevorrechtigte Rolle angenommen, sei es in der Unterscheidung „gesunde Deutsche gegen Fremde und Schwache“ oder im Umgang mit den Millionen ausländischen Zivilarbeitern und Kriegsgefangenen, die in Deutschland Zwangsarbeit leisten mussten. Ihr Schicksal habe die meisten Deutschen wenig gekümmert, die Verfolgungen wurden unterstützt oder einfach hingenommen, insbesondere als im Krieg die Sorge um das eigene Überleben wuchs. Die „Praktizierung des Rassismus“ sei so zur „täglichen Gewohnheit, zum Alltag“ geworden.

Die nach rassistischen Kriterien geschaffene nationalsozialistische Gesellschaft, in der die rassisch Privilegierten herrschten, habe vor allem durch die Ungleichheit funktioniert. Herbert konstatierte: „Insofern wird die ,Volksgemeinschaft‘ nicht durch die versprochene Gleichheit der ,Volksgenossen‘ hergestellt, sondern durch die für jedermann erkennbare Ungleichheit der ,Volksfremden‘. Im Genozid an den Juden wurde der Extrempunkt dieses Zusammenhangs erreicht: Der Völkermord schafft die Volksgemeinschaft.“ Der Historiker illustrierte seine Argumentation auch mit Einzelschicksalen. Während er aus einem erschütternden Brief der am 20. Juli 1943 ermordeten Jüdin Salomea Ochs zitierte, herrschte im Plenarsaal des Landtags beklemmende Stille. Alle hörten, was heute jeder wissen sollte und damals jeder wissen konnte.

Der MDR zeigte im Anschluss an die Gedenkstunde im Landtag eine Vorausstrahlung (Preview) seiner Dokumentation "Das vergessene KZ - NS-Terror in Sachsenburg".

Hintergrund zum Gedenktag 27. Januar

Der 27. Januar ist in der Bundesrepublik Deutschland nationaler Gedenktag zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus. Seit 2006 gedenken der Sächsische Landtag und die Staatsregierung jedes Jahr an diesem Tag der Opfer mit einer gemeinsamen Veranstaltung.