Ein Tag mit Klaus Tischendorf

Vorsitzender des Haushalts- und Finanzausschusses

Klaus Tischendorf im Gespräch in seinem Büro

„Ich bin mehr auf der Suche, als dass ich Antworten hätte“

Diese Rubrik „Ein Tag mit . . .“, einst eingerichtet, um stellvertretend für alle Abgeordneten des Sächsischen Landtages, die Vorsitzenden der Ausschüsse zu porträtieren, ist nie wirklich langweilig geworden. Keiner der Vorsitzenden, egal welchen Geschlechts, war auch nur ähnlich dem anderen. Dieses Mal haben wir es mit einem zu tun, der sich nicht vordrängelt und den wir mit seiner unprätentiösen Art eher im Hintergrund vermuten würden: Klaus Tischendorf.

Der Geschäftsführer der Wobek-Bauer GmbH in Stollberg, Bernd Drummer, ist eine Art „self-made-man“ und für Tischendorf ein angenehmer und wichtiger Gesprächspartner. „Der hält mit seiner Meinung nicht hinterm Berg, sagt auch mal was Unangenehmes und ist integer; mir gefallen solche Leute.“

„Wobek-Bauer“ steht für Pulverbeschichtung und – neu – Dekor-Pulverbeschichtung. Er wisse noch sehr gut, wie er vor rund 25 Jahren DM 500.000,- für die Firma hätte aufnehmen müssen und wie ihm damals die „Muffe“ gegangen sei. An solche Summen sei der „gelernte DDR-Bürger“, wie er sich selbst bezeichnet, nicht gewöhnt gewesen.

Heute mache ihm der Mindestlohn zu schaffen. Klar, sei er wichtig, um „schiefen Strukturen“ etwas entgegen setzen zu können, doch werde die Finanzkraft vor allem im Osten stark überschätzt. Für ihn, so Drummer, sei der Osten die „verlängerte Werkbank“ des Westens.

Es gebe hier keine Dax-Unternehmen und die von der Wirtschaftsförderung Sachsen (WFS) geforderten größeren Einheiten, also Fusionen, würden die Arbeit gerade wegen des Mindestlohns teurer machen. Die besseren Modelle böten Kooperationen mit gleichberechtigten Partnern und den Möglichkeiten, soziale Komponenten gemeinsam festzulegen.

Tischendorf ist ganz Zuhörer: „Es ist nicht alles falsch, was er gesagt hat“, wird er sich später erinnern. Er sei zum Zuhören gekommen, zum Aufnehmen und zur weiteren Abwägung mit Kollegen und in der Fraktion. „Man macht mit ausgefeilter Rhetorik manchmal mehr kaputt als einem abschließend lieb ist!“

Klaus Tischendorf zu Besuch bei Mario Richter, dem Eigentümer eines Eisenwaren- und Bastlerladens in Stollberg

Fundiertere Qualifizierung

Der Vorsitzende des Haushalts- und Finanzausschusses möge sich doch auch um eine fundiertere Qualifizierung kümmern. „Die Leute denken, händische Arbeit sei etwas Minderwertiges und verlieren die Demut vor handwerklicher Kunst“, legt Drummer deutlich desillusioniert nach.

Die anschließende Beratung mit seinen Mitarbeitern zeigt den Moderator Tischendorf, der neben den „notwendigen“ Absprachen, wie Terminen, auch Meinungen, Ansichten und Erfahrungen zu Themen wie „Fankultur“ beim Fußball im Erzgebirge hören will. „Nur so entwickeln wir uns doch weiter und nur so kann ich persönlich Antworten auf meine Fragen finden“ sagt einer, der das politische Geschäft seit nunmehr 16 Jahren als stellvertretender Fraktionsvorsitzender, als Parlamentarischer Geschäftsführer und jetzt als Ausschussvorsitzender bestens kennt. Der Eindruck verstärkt sich, dass hier ein Mann sitzt, dem politisches Arbeiten Spaß macht und zwar aus Neugier heraus: „Nach meiner Meinung betreiben wir das schönste Geschäft, das es gibt. Wir sollten nur alle den Mut besitzen, eine Meinung zu haben, sie zu äußern und dann auch für sie einzustehen!“

Das verlange schon Fingerspitzengefühl, da Beharrlichkeit leicht die Grenze des Erträglichen überschreite, nämlich dann, wenn sich nichts mehr bewege. Er sei angetreten, um Minderheitenrechte zu verteidigen. Dies geschehe auch in der Ausschussarbeit, sagt er und lobt die ihn umgebenden Verwaltungseinheiten: „Ein Vorsitzender kann nur so gut sein, wie ihn die Verwaltung unterstützt!“

Streit muss sein

Klar, müsse man sich streiten. Das begriffen nur eben nicht alle. Streit müsse produktiv sein; Persönliches und Unfaires habe zu unterbleiben. Er selbst lasse sich davon leiten, dass er als Ausschussvorsitzender letztlich den Landtag in Gänze vertrete und auch so wahrgenommen werde: „Lasst uns inhaltliche Diskussionen führen, Antworten und Kompromisse finden; davon lebt doch die Demokratie!“

Doch Vorsicht. Tischendorf wäre nicht Tischendorf, würde da nicht noch ein philosophischer Zusatz kommen. Die einmal gefundenen Ergebnisse veränderten ihr Wesen rasant; was heute stimme, sei Morgen vielleicht bereits falsch: „Man sollte sich nicht auf jeden Gaul setzen, der einem da hingestellt wird!“

Beim „Schwibbogen-König“ in Stollberg ist wieder der Mindestlohn Thema. Mario Richter nennt einen kleinen Eisenwaren- und Bastlerladen sein eigen und organisiert jährlich eine vielbestaunte Schwibbogen-Ausstellung. Reich werde er mit seiner Arbeit hier wirklich nicht, grinst er sarkastisch: „Ich zahle jedem seinen Mindestlohn – und wer zahlt meinen?“ Wie Drummer kritisiert auch er einen Verfall der Werte im Kampf um die Märkte: „Vieles wird nur hergestellt, um es anschließend wegzuwerfen!“

Klaus Tischendorf bei der Freiwilligen Feuerwehr in Lugau

Die Freiwillige Feuerwehr ist in Lugau eine Instanz. Ihr geht´s verhältnismäßig gut und sie wird nach Aus- und Umbau ihres Domizils über noch größere Flächen verfügen können. Dennoch: Sorgen macht ihr der Nachwuchs,  es gibt nämlich keinen. Das sei schon ein Problem, beschreibt der stellvertretende Ortswehrleiter, Sven Schimmel, die Misere.

Im Gespräch mit dem Lugauer Bürgermeister der Linken, Thomas Weikert, mahnt Tischendorf, auch künftig die Arbeit im Stadtrat „stets lösungsorientiert und mit einem Blick für soziale Notwendigkeiten“ zu gestalten. Durch solche „Unaufgeregtheit“ wäre viel für Lugau erreicht worden. Manchmal aber müsse man doch Flagge zeigen, schmunzelt Tischendorf: „Wenn ich im Stadtrat sitze, ertappe ich mich schon mal dabei, wie ein MdL zu reagieren – nehme mich dann aber wieder zurück.“