Ein Tag mit Lutz Rathenow

Sächsischer Landesbeauftragter zur Aufarbeitung der SED-Diktatur

Ministerpräsident Michael Kretschmer trifft Vertreter von Verfolgtenverbänden und Aufarbeitungsinitiativen zum Gespräch.

„Es geht um mehr als Anerkennung."

Ein Tag mit Lutz Rathenow, Sächsischer Landesbeauftragter zur Aufarbeitung der SED-Diktatur

 

Fast 30 Jahre sind seit der Friedlichen Revolution und dem Ende der DDR vergangen. Seit 1992 gibt es das Amt des Sächsischen Landesbeauftragten, der sich um die Ansprüche der Opfer der SED-Diktatur kümmert. Immer wichtiger wird aber auch die Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit, bei der es nicht mehr nur um Informationen zu den Mechanismen der Staatssicherheit geht. „Politische Verfolgung und selbstbewusst erfahrener Lebensalltag in der DDR dürfen keine Gegensätze sein", so Lutz Rathenow. 2011 wählte der Sächsische Landtag den Schriftsteller und einstigen DDR-Oppositionellen an die Spitze der kleinen Behörde. 2016 folgte die Wiederwahl.  Wir haben ihn bei seiner Arbeit begleitet.
 

Regelmäßig trifft sich Lutz Rathenow mit Vertretern von Verfolgtenverbänden und Aufarbeitungsinitiativen, die sich im Freistaat mit Engagement und Herzblut um ihre Mitglieder und um politische Bildung zum Thema „SED-Diktatur" kümmern. Das Spektrum ist vielfältig, aber gerade in Sachsen, der Wiege der Friedlichen Revolution, auch mit Emotionen und Befindlichkeiten seitens der verschiedenen Akteure verbunden. „Im Freistaat gibt es nicht nur die zentralen Stätten des Demonstrationsgeschehens wie Leipzig, Plauen und Dresden, sondern auch viele gedenkwürdige Orte mit deutschlandweiten Alleinstellungsmerkmalen. Zum Beispiel das Frauenzuchthaus Hoheneck, das Gefängnis auf dem Chemnitzer Kaßberg, über das der Freikauf von Häftlingen an Westdeutschland lief, der Jugendwerkhof in Torgau, der vielleicht brutalste in der DDR, und viele andere geschichtsträchtige Stätten", umreißt Lutz Rathenow die hiesige „Gedenklandschaft".

 

„Vielfältiges Engagement noch besser koordinieren."

Heute findet das Treffen erstmals in der Sächsischen Staatskanzlei statt. Und das nicht ohne Grund. Ministerpräsident Michael Kretschmer sucht den Dialog und hat in sein Haus eingeladen: „Mich interessiert Ihre Meinung", ermutigt er die zahlreich erschienenen Teilnehmer zum Gespräch. Viele nutzen denn auch die Gelegenheit, um Kretschmer ihre Anliegen und Forderungen persönlich vorzustellen. Lutz Rathenow moderiert die gut zweistündige Veranstaltung. 

 

Schnell wird deutlich, das Feld ist vielschichtig und kompliziert. Es gibt sehr verschiedene Opfergruppen, von ehemals Inhaftierten über Heimkinder bis hin zu DDR-Dopingopfern. Rehabilitierung und Entschädigung sind uneinheitlich geregelt, manch einer ist durch jedes Raster gefallen. Für diese Menschen hat die Staatsregierung jüngst einen Härtefallfonds aufgelegt, doch in der konkreten Umsetzung „hakt es noch an mehreren Punkten", so Rathenow. „Letztendlich geht es für viele vor allem um Anerkennung", fasst der Landesbeauftragte das Ansinnen der Betroffenen zusammen. „Bei einigen ist aber verbesserte konkrete Hilfe sehr wichtig."

 

Man träfe auf zu wenig Interesse seitens der Schulen an Gesprächen mit Zeitzeugen, kritisieren einige Teilnehmer. „Es gibt viel Engagement in diesem Bereich", widerspricht Rathenow der soeben gehörten Einschätzung. Allein seine Behörde habe 2018 knapp 100 Schulen besucht und gefördert, jeden Tag gebe es Kontakt zu Lehrern. Das Portfolio in den Schulen reicht von Vorträgen über Theaterstücke mit Mitwirkungsmöglichkeit im Unterricht bis zu den meist begleiteten Zeitzeugengesprächen. „Wir müssen mehr miteinander reden, das vielfältige Engagement noch besser koordinieren und zeitgemäße Formen der Wissensvermittlung ausprobieren", gibt schließlich Ministerpräsident Michael Kretschmer den Anwesenden mit auf den Weg.

Lutz Rathenow im Gespräch mit Kuratorin Maria Pretzschner

Neue Aufgaben, mehr Zuständigkeiten

Fast drei Jahrzehnte nach dem Ende des DDR-Regimes ist das Interesse an dem Thema ungebrochen, wenn nicht sogar gestiegen. „Und das sowohl von Seiten Betroffener als auch von Seiten der Politik", so Rathenow. Entsprechend viele Termine koordiniert sein Büro tagtäglich für die Beratung Betroffener, für Anfragen von Politikern und für Gesprächswünsche von Journalisten.

Im Freistaat hat das Amt 2016 dabei eine deutliche Aufwertung erfahren. Das Parlament verabschiedete ein neues Landesbeauftragtengesetz, das die Aufgaben und den Zuständigkeitsbereich der Behörde erweiterte. „Damit verbunden war die direkte Angliederung an den Sächsischen Landtag sowie eine Umbenennung: Vom Stasi-Unterlagenbeauftragten zum Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur", betont Rathenow das neuausgerichtete Selbstverständnis.

 

Jugendwerkhof Königstein

Ortswechsel. Wir sind auf der Festung Königstein in der Sächsischen Schweiz, wo Lutz Rathenow an der Eröffnung der Ausstellung „Jugendwerkhof Königstein 1949-1955" mitwirkt. Die Ausstellung wirft Licht auf einen lange Zeit marginalisierten Teil der DDR-Geschichte, dem Zehntausende Kinder und Jugendliche anheimfielen, die als schwer erziehbar galten. Zwischen 1945 und 1990 gab es in der SBZ und DDR einen Bestand von jeweils etwa 30 Jugendwerkhöfen mit ca. 3.300 Plätzen. Hier sollten die Jugendlichen zu „vollwertigen Mitgliedern der sozialistischen Gesellschaft" geformt werden.

 

Die Festung Königstein, so Kuratorin Maria Pretzschner, stelle sich mit der Ausstellung (zu sehen bis 3.11.2019) erstmals dieser eigenen Vergangenheit als früher Jugendwerkhof. „Ich wusste davon vorher nichts", räumt Lutz Rathenow als einer der Eröffnungsredner ein. Bei einem Ausflug mit seiner Familie habe er 2018 zufällig einen kleinen Kalender mit einem Hinweis auf die geplante Ausstellung entdeckt und sofort Kontakt aufgenommen. „Es ist wichtig, Geschichte an authentischen Schauplätzen zu zeigen, auch fernab von Aufarbeitungsmetropolen wie Berlin und Leipzig", ist Lutz Rathenow überzeugt. „Und auch an Orten, die wegen anderer Geschichtsepochen beliebt sind. Wir sollten immer wieder in die Fläche wirken", wünscht sich Rathenow. Getragen von eben dieser Überzeugung habe er auch seine fünf Amtskolleginnen und -kollegen überzeugt, den für 2020 geplanten Bundeskongress der Landesbeauftragten in Plauen (Vogtland) durchzuführen.

Zeitzeuge Jürgen Gottschalk zeigt seine Zelle in der ehemaligen "Stasi"-Untersuchungshaftanstalt in der Bautzner Straße in Dresden.

Gedenkstätte Bautzner Straße

Um das Erleben von Geschichte an authentischen Orten geht es auch beim nächsten Termin. Gemeinsam besuchen wir die Gedenkstätte Bautzner Straße in Dresden, wo Leiterin Uljana Sieber und Zeitzeuge Jürgen Gottschalk uns Räume der einzigen noch im Original erhaltenen und für Besucher zugänglichen „Stasi"-Untersuchungshaftanstalt im Freistaat zeigen, darunter den ehemaligen sowjetischen Haftkeller, Vernehmungszimmer, die Schauplatz nächtlicher stundenlanger Verhöre waren, winzige „Freigang-Parzellen"... Allein schon der eigenartige Geruch versetzt die Besucher in vergangene Zeiten zurück. 29.000 Besucher, darunter 40 Prozent Schüler, zählte der historische Ort im Jahr 2018. In seiner Schriftenreihe bereitet der Landesbeauftragte derzeit ein neues Buch von Jürgen Gottschalk vor. Damit nicht nur die Besucher vor Ort anhand seines Schicksals erfahren können, wie ein staatlicher Repressionsapparat seine politischen Gegner auszuschalten versuchte.