Sachsen rückt Verbrechen an Kriegsgefangenen in Mittelpunkt des heutigen Holocaustgedenktages

Pressemitteilung 13/2013 vom 27.01.2013

Parlament und Staatsregierung des Freistaates Sachsen gedachten am heutigen Holocaustgedenktag mit einer gemeinsamen Veranstaltung im Plenarsaal des Sächsischen Landtags aller Menschen, die aus politischen, ethnischen, religiösen, weltanschaulichen oder anderen menschenrechtsfeindlichen Gründen Opfer nationalsozialistischer Verfolgung und Vernichtung wurden.

Dazu zählen auch Millionen von Menschen, die während des Zweiten Weltkriegs als Kriegsgefangene der Wehrmacht in die Hände fielen und denen das Recht auf kriegsrechtliche Behandlung nach der Genfer Konvention versagt worden ist. Ihnen war das heutige Erinnern im Landtag in ganz besonderer Weise gewidmet. Die Gedenkstunde fand in Kooperation mit der Stiftung Sächsische Gedenkstätten und ihrer Gedenkstätte Ehrenhain Zeithain statt.

„Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland erinnert heute ein deutsches Parlament explizit an die Opfergruppe der Kriegsgefangenen und die an ihr begangenen Verbrechen“, betont Landtagspräsident Dr. Matthias Rößler. Mit rund drei Millionen in deutscher Gefangenschaft verstorbenen Soldaten bilden die sowjetischen Kriegsgefangenen eine der größten Opfergruppen nationalsozialistischer Verfolgung und Vernichtung. Katastrophale Lebensbedingungen in den Kriegsgefangenenlagern der Wehrmacht und den dazugehörigen Arbeitskommandos an Orten wie dem sächsischen Zeithain verursachten ein zehntausendfaches Massensterben. „Die Aufarbeitung dieses Teils unserer Vergangenheit hat Jahrzehnte lang auf sich warten lassen […] und erst vor wenigen Jahren Eingang in deutsche Erinnerungskultur gefunden“, so Rößler. Mit der heutigen Veranstaltung tragen wir dazu bei „diesen Opfern einen Platz in unserem historischen Gedächtnis zu geben“.

Eng verbunden mit dem jahrelangen Stillschweigen über das Leid der sowjetischen Kriegsgefangenen war die Ungewissheit der Angehörigen. „Die Mehrheit der 30.000 Opfer von Zeithain blieb namenlos, so wie die meisten der sowjetischen Menschen, die ihr Leben in deutscher Kriegsgefangenschaft lassen mussten. Angehörige wussten kaum mehr, als dass ihre Männer und Söhne verschollen oder in deutscher Kriegsgefangenschaft gestorben seien“, erinnert Dr. Alexander Haritonow in seiner Rede vor den 350 geladenen Gästen der Gedenkstunde. Erst nach dem politischen Umbruch habe sich die Situation geändert, die schließlich im Jahr 2000 zur Gründung der Dokumentationsstelle bei der Stiftung Sächsische Gedenkstätten in Dresden führte.

Dort ist der Historiker Haritonow seit mehr als zehn Jahren maßgeblich an der Schicksalsklärung sowjetischer Kriegsgefangener beteiligt. „Inzwischen verfügen wir über die Daten von […] 900.000 sowjetischen Kriegsgefangenen, die in der Mehrzahl in Deutschland verstarben.“ Viele Hinterbliebene finden in dieser Gewissheit einen großen Trost. „Immer wieder haben uns Angehörige in großer Dankbarkeit berichtet, dass für sie erst [damit] der Krieg wirklich vorbei war und die Seele Ruhe fand.“

Ministerpräsident Stanislaw Tillich betonte in seiner Ansprache im Sächsischen Landtag: "Wir gedenken am Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, dem größten deutschen Vernichtungslager, aller Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Das Gedenken an die Opfer und ihr unermessliches Leid ist mir, ist uns ein inneres Bedürfnis.“ Mit Blick auf die Gegenwart appellierte Tillich an das Publikum: „Der Holocaustgedenktag ist Erinnerung, aus dem wir einen immerwährenden Auftrag haben, Demokratie zu achten und vor ihren Feinden zu schützen. Es ist an uns selbst, unsere Mitmenschen mit Toleranz und Respekt zu behandeln und vorurteilsfrei zu akzeptieren."

Sechs Schülerinnen und Schüler des Lößnitzgymnasiums Radebeul lasen anschließend Erinnerungstexte von Kriegsgefangenen, Tätern und Zeitzeugen. Die Zwölftklässler stellten die Schicksale Vieler exemplarisch dar, nahmen aber auch die Täterperspektive ein und ließen NS- und Wehrmachtspropaganda einfließen. Die Lesung verdeutlichte die Dimensionen des nationalsozialistischen Rassismus und machte die unterschiedlichen Motivationen der NS-Verbrechen eindrucksvoll sichtbar. Für die Aufführung hatten die Gedenkstätte Zeithain bzw. die Stiftung Sächsische Gedenkstätten gemeinsam mit den Schülern Schicksale sowjetischer Kriegsgefangener sowie zweier Gefangener aus Polen und Italien für die Gedenkstunde aufbereitet.

Für die musikalische Umrahmung sorgte das Bläserquintett Menáge à cinq mit Werken von Komponisten, die während der Zeit des Nationalsozialismus der staatlichen Verfolgung ausgesetzt waren.

Hintergrund:
Der Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 ist seit 1996 auf Initiative des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog offizieller Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Der Sächsische Landtag und die Sächsische Staatsregierung würdigen diesen Tag seit 2006 jedes Jahr mit einer gemeinsamen Gedenkstunde im Plenarsaal des Sächsischen Landtags.