Landtag und Regierung gedachten heute der Opfer des Nationalsozialismus

Pressemitteilung 8/2012 vom 27.01.2012

Am 27. Januar fand im Plenarsaal des Sächsischen Landtags die zentrale Veranstaltung zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus statt.

Seit 1996 wird in Deutschland am 27. Januar auf Initiative des früheren Bundespräsidenten Roman Herzog zum Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Parlament und Staatsregierung des Freistaates Sachsen erinnerten am heutigen Holocaustgedenktag mit einer gemeinsamen Veranstaltung im Plenarsaal des Sächsischen Landtags an alle Menschen, die in den Jahren der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft aus politischen, ethnischen, religiösen, weltanschaulichen oder sonstigen Gründen Freiheit und Leben verloren haben. Dazu zählen auch psychisch Kranke, geistig Behinderte und mehrfach behinderte Menschen, die den sogenannten Euthanasie-Verbrechen zum Opfer gefallen sind. Ihnen war das heutige Erinnern im Landtag in ganz besonderer Weise gewidmet.

An der Gedenkstunde nahmen neben Abgeordneten und Regierungsmitgliedern Vertreter des Verfassungsgerichtshofes, des konsularischen Korps, der Kirchen und Religionsgemeinschaften und der Kommunen teil. Zu den über 400 Gästen zählten zudem Angehörige von Opfern des NS-Regimes, Überlebende des Holocaust sowie zahlreiche sächsische Bürgerinnen und Bürger, Schülerinnen und Schüler.

Landtagspräsident Dr. Matthias Rößler betonte in seiner Ansprache, dass in unserer Gesellschaft die Würde des Menschen durch das Grundgesetz und die Sächsische Verfassung als unantastbar geschützt sei. Man dürfe aber niemals aus den Augen verlieren, „dass wir in einer Welt leben, in der die Würde des Menschen immer wieder mit Füßen getreten wird. Diese Welt der Unmenschlichkeit, von der uns sowohl die Erfahrung als auch die Vorstellung fehlen, obwohl sie uns ihre Allgegenwart in Film- und Fernsehbildern tagtäglich beweist, ist eine Realität, der auch wir uns stellen müssen. Unsere eigene deutsche Geschichte sollte für uns alle Grund genug dafür sein, im Umgang mit einander wachsam zu sein und über die Schwelle der eigenen Haustür hinaus füreinander Verantwortung zu übernehmen. Unsere eigene Würde kann nur durch die Wahrung der Würde unseres Nächsten gewahrt bleiben. Dessen sollten wir uns nicht nur an Gedenktagen wie dem heutigen erinnern, sondern viel öfter in unserem Alltag bewusst werden“, gab der Präsident den Anwesenden mit auf den Weg.

„Der Holocaustgedenktag ist ein Tag der Trauer und Empörung. Heute muss er aber zugleich auch ein Tag werden, an dem wir Deutschen uns unserer besonderen Verpflichtungen aus der Geschichte immer mehr bewusst werden. Die Geschichte verlangt, dass wir uns in besonderem Maße für die Menschenrechte und Grundfreiheiten einsetzen. Das gilt für unser eigenes Land, aber auch für Europa und die Menschen in der Welt“, hieß es in der Ansprache von Ministerpräsident Stanislaw Tillich. „Ich trauere um die Opfer, die Juden, Polen, Russen, Sinti und Roma, Christen und Atheisten, Sozialdemokraten, Kommunisten und Konservative, um die Kranken und Behinderten, und viele andere, die in der Nazizeit umgebracht wurden. Empörend ist, dass sich Mörder für berechtigt hielten, Mitmenschen das Lebensrecht abzusprechen. Die Erinnerung an die sogenannte Euthanasie, es war damals Mord an kranken und behinderten Menschen, steht heute im Mittelpunkt. Die Euthanasieverbrechen machen deutlich: Der Zivilisationsbruch, den Auschwitz markiert, fing nicht erst mit der Wannseekonferenz an, sondern schon in dem Augenblick, als die Nationalsozialisten begannen, ihre eigenen Mitbürger zu selektieren und zu diskriminieren,“ so der Ministerpräsident des Freistaates Sachsen weiter.

In den Jahren 1939 bis 1945 ließen die nationalsozialistischen Machthaber im Deutschen Reich in mehreren und teilweise parallel verlaufenden Aktionen zehntausende Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen ermorden. 13.720 psychisch Kranke, geistig Behinderte und mehrfach behinderte Menschen sowie mindestens 1.031 jüdische, polnische und deutsche Häftlinge aus Konzentrationslagern verloren während der Gasmordaktion „T4“ allein in der „Euthanasie“-Anstalt Pirna-Sonnenstein in den Jahren 1940 und 1941 ihr Leben. Dabei war Pirna-Sonnenstein nicht die einzige Anstalt in Sachsen, in der systematisch getötet worden ist. Dr. Boris Böhm, Leiter der Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein, konfrontierte die Anwesenden mit einem düsteren Kapitel sächsischer Geschichte. Anschaulich machte der Historiker deutlich, dass Sachsen bei den Krankentötungen ein Zentrum der Täter war und die in der Heil- und Pflegeanstalt Pirna-Sonnenstein verübten Verbrechen auch der personellen, organisatorischen und technischen Vorbereitung des Holocaust dienten.

Künstlerischer Höhepunkt der Gedenkstunde war eine Lesung biografischer Porträts von Menschen, denen die Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein in den vergangenen Jahren ein Gesicht und eine Lebensgeschichte zurückgeben konnte. Schauspieler der Landesbühnen Sachsen, darunter Intendant Manuel Schöbel, erinnerten eindrucksvoll an Herrn Herbert Barth (1903-1940), Frau Gertrud Hille (1899-1941) und das Mädchen Ursula Heidrich (1929-1945) – drei von über 23.000 psychisch Kranken und behinderten Menschen, die in den Jahren von 1939 bis 1945 in sächsischen Einrichtungen den nationalsozialistischen Krankenmordaktionen zum Opfer fielen.