Sächsischer Landtag und Staatsregierung gedachten heute der Opfer des Nationalsozialismus

Pressemitteilung 15/2011 vom 27.01.2011

Mit einer gemeinsamen Veranstaltung im Plenarsaal des Sächsischen Landtags gedachten das Parlament und die Staatsregierung heute der Opfer des Nationalsozialismus. Unter den 440 Gästen waren neben Abgeordneten, Mitgliedern der Staatsregierung und des Verfassungsgerichtshofes auch Überlebende des Holocaust, Vertreter der Opferverbände, zahlreiche Bürgerinnen und Bürger sowie mehrere sächsische Schulklassen.

Szenische Lesung des tjg. theater der jungen generation Dresden
Mit einer ebenso eindrucksvollen wie berührenden szenischen Lesung erinnerte das tjg. theater der jungen generation Dresden an die Opfer des Nationalsozialismus und die Auswirkungen der Schreckensherrschaft auf die nachfolgende Generation, die Kinder der Überlebenden des Holocausts. Die Inszenierung von Intendantin Felicitas Loewe beruht auf dem Buch „Warum bist Du nicht vor dem Krieg gekommen?" der israelischen Schriftstellerin Lizzie Doron, die persönlich an der Gedenkveranstaltung teilnahm.

Lizzie Doron erzählt in dem 1998 erschienen Buch anhand einzelner Episoden und Begebenheiten die Geschichte ihrer Mutter, einer Überlebenden des Holocaust, die sich nach Kriegsende konsequent weigert, über die schrecklichen Erlebnisse der Vergangenheit zu sprechen. Die Tochter leidet sehr unter diesem Schweigen und das Verhalten der Mutter gibt ihr immer wieder Rätsel auf. Dennoch stellt die Tochter ihr keine Fragen. Erst nach dem Tod der Mutter recherchiert Lizzi Doron deren Leben und schreibt ihr viel beachtetes Buch, das in Israel mittlerweile als Schullektüre empfohlen wird.

Landtagspräsident Rößler: Das lange Schweigen brechen
Sowohl während der Zeit des Nationalsozialismus als auch viele Jahre danach habe das Schweigen über die Geschehnisse die Welt und die Menschen beherrscht, betonte Landtagspräsident Dr. Matthias Rößler in seiner Ansprache. „Tatsache bleibt, dass die Welt zum größten Massenmord in der Geschichte geschwiegen hat. […] Das Schweigen der Welt hat sich über den Holocaust hinaus fortgepflanzt“, so Rößler. „Geschwiegen haben auch die Überlebenden, die alles verloren hatten, ihre Familien, ihre Heimat, ihre Welt, die dem Grauen in letzter Stunde mit dem nackten Leben entkommen waren.“ Das Buch von Lizzie Doron habe mit diesem Schweigen gebrochen und trage so dazu bei, die Erinnerung an die junge Generation weiterzugeben, sagte Landtagspräsident Dr. Matthias Rößler.

Ministerpräsident Tillich: „Niemanden diskriminieren, stets solidarisch handeln.“
„Heute erinnern wir an die Opfer der Nationalsozialisten. Wir trauern um einen Verlust von Millionen von Menschen. Aber wir müssen uns auch mit denen auseinandersetzen, die ihren deutschen und europäischen Mitbürgern ihre Bürger- und Menschenrechte abgesprochen haben“, mahnte Ministerpräsident Stanislaw Tillich in seiner Rede. „Die Geschichte hält für mich eine Lehre bereit: Jeder Mensch ist gleich. Es muss nicht jeder jeden lieben. Aber jeder Mensch muss jedem Menschen mit würdigem Respekt gegenüber treten. Wo ein Mensch in meiner Nähe diskriminiert wird, muss ich ihn in Schutz nehmen. Ich empfinde dieses Muss nicht als Bedrückung, sondern als Befreiung: Ich bin in einer Gesellschaft nicht frei, in der andere unfrei und ungleich sind. Das muss für uns alle die Richtschnur unseres Handelns sein: Niemanden diskriminieren, stets solidarisch handeln", fügte Tillich mit Blick auf die Gegenwart und Zukunft hinzu.

„Nicht die Vergangenheit ist der Tod, sondern das Vergessen.“
Vier Schauspieler, flankiert von vier Musikern des tjg. theater der jungen generation, alle in schwarz gekleidet, verwandelten dann den Plenarsaal in eine Theaterbühne und spielten verschiedene Erlebnisse aus Elisabeths (Name der Tochter im Buch) Kindheit im Tel Aviv der sechziger Jahre nach: Wie sich Überlebende alle zwei Wochen in der Wohnung von Mutter Helena trafen, um die Toten zu beweinen. „Wenn ich hier stehe und anklage, bin ich nicht allein. Mit mir stehen hier sechs Millionen Ankläger…“ oder wie Helena jahrelang für die Tochter Bilder für den Kunstunterricht malt. Während sich Elisabeth für die zumeist von Tod und Grauen handelnden Bilder schämt, erntet sie vom Kunstlehrer viel Lob und gute Noten. Viele Jahre später stellte sich heraus, auch der Kunstlehrer war ein Überlebender des Holocausts und hatte verstanden… Nach dem Tod von Helena findet die Tochter in der Wohnung einen alten Koffer, darin ein gestreifter Anzug, ein gelber Stern und der Geruch nach Tod und beschließt: „Nicht die Vergangenheit ist der Tod, sondern das Vergessen. Und nicht nur das Leben ist die Zukunft, sondern auch die Erinnerung.“

Die Theaterversion ist ursprünglich 2007 in Kooperation des theaters der jungen generation mit dem Deutschen Hygiene-Museum im Begleitprogramm der Ausstellung „Tödliche Medizin. Rassenwahn im Nationalsozialismus.“ entstanden.

Sichtlich bewegt und emotional berührt richtete schließlich Lizzie Doron selbst sehr persönliche Worte an die Gäste im Plenarsaal. Sie erzählte von ihrer Kindheit in Tel Aviv, wo sie als Tochter zweier Holocaust-Überlebender in einer Gegend aufwuchs, wo jeder von dort, also von hier, kam. „Dieser Tag heute ist ein ganz besonderer für mich. Ein Tag, an dem ich über mein ganzes Leben nachdenke“, so Lizzie Doron. „Jetzt stehe ich hier vor Ihnen in diesem Parlament in Dresden und es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Hier und dem Dort. Und ich kann nur sagen: Mutti, ich bin dort.“

Hintergrund:
Der 27. Januar ist in der Bundesrepublik Deutschland nationaler Gedenktag zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus. Er wurde vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog 1996 proklamiert. Seit 2006 gedenken der Sächsische Landtag und die Staatsregierung jedes Jahr an diesem Tag der Opfer mit einer gemeinsamen Veranstaltung im Plenarsaal des Sächsischen Landtags.