Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus im Landtag

Pressemitteilung 9/2010 vom 27.01.2010

Zum 5. Mal gedachten der Sächsische Landtag und die Staatsregierung heute mit einer offiziellen Gedenkstunde im Parlament der Opfer des Nationalsozialismus. Der 27. Januar, Tag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz, ist internationaler Gedenktag an die Opfer des grausamen Regimes.

Mit einer gemeinsamen offiziellen Gedenkstunde gedachten der Sächsische Landtag und die Staatsregierung heute der Millionen Opfer des Nationalsozialismus. 350 Gäste, darunter zahlreiche Vertreter der Opferverbände und der jüdischen Gemeinden, waren der Einladung in den Plenarsaal des Landtags gefolgt.

An der Veranstaltung nahmen neben Abgeordneten und Vertretern der Staatsregierung außerdem u. a. Mitglieder des Sächsischen Verfassungsgerichtshofes, das konsularische Corps, Vertreter der Kirchen und Religionsgemeinschaften sowie Vertreter des kommunalen Bereichs und viele interessierte Bürgerinnen und Bürger teil.

Sächsische Politiker gehörten zu den ersten Opfern

„Wir gedenken aller Opfer, die in den zwölf Jahren der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft aus politischen, ethnischen, religiösen, weltanschaulichen und anderen Gründen ihre Freiheit und ihr Leben verloren haben“, betonte Landtagspräsident Dr. Matthias Rößler in seiner Rede. „In besonderer Weise denken wir im Sächsischen Landtag an die jüdischen Gemeinden und Persönlichkeiten in Sachsen. Als 1933 auch in Sachsen der Terror gegen die jüdischen Mitbürger begann, haben prominente sächsische Politiker zu den ersten Opfern gehört“, so Rößler weiter. Stellvertretend für viele, erinnerte der Landtagspräsident an das Schicksal von Georg Gradnauer, der 1919 erster Ministerpräsident des Freistaates Sachsen wurde und später von den Nationalsozialisten wegen seines jüdischen Glaubens verhaftet und deportiert wurde.

Erfahrung der Geschichte weitergeben

Landtagspräsident Dr. Matthias Rößler forderte mit Nachdruck, die Erfahrungen der Geschichte an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben und allen Versuchen, die freiheitliche Demokratie durch Antisemitismus, Fremdenhass sowie Radikalisierung politischer Auseinandersetzungen zu beschädigen, entschieden entgegenzutreten. Dabei sei jeder Einzelne in seinem persönlichen Wirkungskreis gefragt. „Lassen Sie uns überall und gemeinsam für unsere auf der unveräußerlichen Menschenwürde fußende freiheitliche demokratische Grundordnung eintreten. Wenden wir uns entschlossen gegen alle Formen der Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung – egal, von welcher Seite sie auch kommt und womit sie auch gerechtfertigt wird.“

Zivilcourage leben

Auch Ministerpräsident Stanislaw Tillich forderte persönliches Engagement und Zivilcourage jedes Einzelnen, um Angriffe auf die Demokratie abzuwehren. „In jeder Auseinandersetzung mit dem Holocaust steht am Ende die Erkenntnis: So etwas darf nie wieder geschehen. Wir müssen uns schützend vor Mitmenschen stellen, die angegriffen werden. Denn jeder Angriff in Wort und Tat, gegen Einzelne und Gruppen gerichtet, ist ein Angriff auf uns alle, ein Angriff auf das friedliche Zusammenleben und die Werte, auf denen es beruht.“ Zugleich verwies der Ministerpräsident aber auch auf Entwicklungen, die an diesem Tag der Trauer und des Erinnerns positiv stimmen. „Das jüdische Erbe, das 1945 in Sachsen fast vollständig ausgelöscht war, ist wieder aufgelebt.“ Dies zeige sich z. B. am Synagogalchor Leipzig, der seit Jahren in Sachsen, Deutschland und dem Ausland ein Stück jüdischer Kultur und Religiosität bekannt mache. „Die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus mahnt jede Generation aufs Neue, wachsam zu sein und für demokratische und rechtsstaatliche Werte einzustehen" betonte Tillich in seiner Rede.

Fassungslose Traurigkeit

Im Mittelpunkt des Gedenkens stand in diesem Jahr die musikalische Auseinandersetzung mit der Erinnerung an die Schrecken des Nationalsozialismus. Es spielten die Westsächsischen Kammersolisten unter Leitung von Konzertmeister Jürgen Fleischhauer gemeinsam mit Prof. Matthias Eisenberg (Cembalo/Orgel).

Tief ergriffen lauschten die Zuhörer, als die Westsächsischen Kammersolisten einige Stücke aus „Schindlers Liste“ spielten. Der Spielfilm aus dem Jahr 1993 von Steven Spielberg erzählt die Geschichte von Oskar Schindler (1908–1974), einem sudetendeutschen Industriellen, der im Zweiten Weltkrieg etwa 1200 Juden aus Polen und der Tschechoslowakei in seinen Rüstungsbetrieben beschäftigte und damit vor dem Tod im Vernichtungslager Auschwitz rettete. Sie wurden auf mehreren Listen erfasst, die er den Nationalsozialisten vorlegte, wodurch die darauf genannten Juden unter seinen Schutz gestellt waren. Die traurige Musik, die beklemmende Atmosphäre, welche diese Musik verursacht, mag der Dramatik dieser barbarischen Zeit nicht im Geringsten Rechnung tragen. Sie ist jedoch ein sehr guter Ansatz, mit Musik auszudrücken, was mit Worten kaum zu beschreiben ist. 

Warum ist der 27. Januar ein Gedenktag?

Am 27. Januar 1945 befreiten Soldaten der Roten Armee die Überlebenden des Konzentration- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. Das Vernichtungslager steht symbolhaft für den Völkermord und die Millionen Opfer des Nazi-Regimes.
Heute gedenken die Menschen weltweit am 27. Januar der Opfer des Nationalsozialismus. Bundespräsident Roman Herzog bestimmte diesen Tag 1996 zum Gedenktag an die Opfer des grausamen Regimes. 2005 erklärten ihn die Vereinten Nationen zum Internationalen Holocaustgedenktag.