Zweikammerparlament (1831 - 1918)

Nach den Bestimmungen der ersten konstitutionellen Verfassung Sachsens aus dem Jahre 1831 beriefen der sächsische König Anton und sein Mitregent Friedrich August am 27. Januar 1833 zum ersten Mal ein Zweikammerparlament ein.

Sächsische Landtagsuniform

Das „Oberhaus“ und das „Unterhaus“ nannte man in Sachsen die „Erste Kammer“ und die „Zweite Kammer“. Beide gemeinsam beanspruchten, die Gesamtheit der Staatsbürger und Untertanen des sächsischen Königs zu vertreten. Aber nicht alle Erwachsenen, sondern nur die männlichen Mitglieder verschiedener definierter Vermögensklassen waren zur Wahl oder zum Abgeordnetenmandat zugelassen.
 
Der konstitutionelle Landtag hatte in Sachsen keine besonders starke Stellung. Die Regierungsgewalt lag nicht im Parlament. Beim Gesetzgebungsverfahren sicherte die Verfassung dem König und seiner Regierung das Übergewicht. Auch die Kontrollrechte der Kammern blieben bis 1918 bescheiden. Das effektivste Mittel des Parlaments lag wohl im Rekurs auf die öffentliche Meinung. Die beiden Häuser des Landtags konnten Petitionen annehmen, Anfragen an die Regierung richten und dem König Wünsche bzw. Anträge vorlegen.
 
Das Wahlrecht zum konstitutionellen Zweikammerparlament wurde im Laufe seines Bestehens aufgrund der rasanten gesellschaftlichen Veränderungen fünfmal geändert. Im Revolutionsjahr 1848 kam ein liberales Wahlrecht zustande, das erstmals weltanschaulichen Parteien den Weg ins Parlament öffnete. Allerdings wurde diese Veränderung im Jahre 1850 per Staatsstreich wieder außer Kraft gesetzt. Damit galt erneut das Wahlrecht der Verfassung von 1831. Es hatte Bestand, bis Sachsens Beitritt in den Norddeutschen Bund umfangreiche Reformen erforderte. In diesem Zusammenhang kam im Dezember 1868 ein Zensuswahlrecht zustande, das für die Zweite Kammer des sächsischen Landtags politische Parteien zuließ. Gegen den verstärkten Einzug sozialdemokratischer Abgeordneter in das Unterhaus des sächsischen Landesparlaments richtete sich das sächsische Dreiklassenwahlrecht aus dem Jahre 1896. Es erweiterte zwar die Zahl der wahlberechtigten Männer, veranschlagte das Gewicht der Stimmen von unvermögenden Wählern aber so gering, dass sie kaum Relevanz für die Zusammensetzung des Parlaments hatten. Im Kontrast zum Reichstagswahlrecht des Kaiserreiches, das jede Stimme gleichgewichtig zählte, ließ sich dieser Wahlmodus nicht lange aufrechterhalten. Im Jahre 1909 führte Sachsen für die Zweite Kammer ein Pluralwahlrecht ein, das das Votum des einzelnen Wählers nach Einkommen, Besitz, Vorbildung und Alter unterschiedlich wertete. Die Zusammensetzung der Ersten Kammer blieb abgesehen von der Unterbrechung der Jahre 1848 bis 1850 im Wesentlichen bis zum Ende der Monarchie unverändert.
 
Charakteristisch für den konstitutionellen Landtag war der Typus des Honoratiorenpolitikers, der auch ohne seinen Parlamentssitz bereits eine in der Gesellschaft einflussreiche Person war. Das Gros der Mitglieder der Ersten und Zweiten Kammer wurde aber zudem durch eine Wahl zur Teilnahme an den Landtagen legitimiert. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts begann jedoch ein langer Prozess, durch den das Wahlrecht sukzessive ausgeweitet wurde und die Honoratiorenpolitiker zunehmend durch Parteipolitiker ersetzt wurden.